35 Jahre mit Herz, Haltung und Pflegekompetenz
Ein besonderes Dienstjubiläum im Lotte-Lemke-Haus
Wenn ein Haus Geschichten erzählen könnte, dann hätte das Lotte-Lemke-Haus der AWO Bremerhaven besonders viel zu berichten. Seit seiner Eröffnung vor 35 Jahren prägen zwei Frauen diesen Ort ganz wesentlich: die Pflegefachkräfte Heike Wrieden und Beate Müller. Beide feiern in diesem Jahr ihr 35-jähriges Dienstjubiläum – und damit eine berufliche Lebensleistung, die weit über Zahlen hinausgeht.
Kennengelernt haben sich die heute 62-Jährigen während ihrer Umschulung zur Altenpflegerin im Jahr 1988. Heike Wrieden, gebürtige Bremerhavenerin, hatte zuvor eine Ausbildung zur Erzieherin absolviert, arbeitete im Anschluss jedoch zunächst „zum Geldverdienen“ bei der Firma Comet in Bremerhaven. „Aber ich wollte noch einmal etwas ganz anderes machen, näher am Menschen“, erinnert sie sich. Beate Müller schlug einen noch ungewöhnlicheren Weg ein: Sie hatte Tischlerin gelernt, fand in ihrem erlernten Beruf jedoch keine Anstellung – „weil man damals schlicht keine Frauen eingestellt hat“. Nach einer Zeit als ungelernte Pflegekraft im St.-Joseph-Hospital reifte der Entschluss zur Umschulung. Dass das Arbeitsamt diese zunächst ablehnte, hielt sie nicht auf. „Ich habe jeden Tag dort angerufen – man kannte mich mittlerweile schon“, sagt Müller mit einem Lächeln. „Irgendwann haben sie nachgegeben.“ Heute verfügt sie über eine gerontopsychiatrische Zusatzausbildung und ist zudem Praxisanleiterin.
Seit der ersten Stunde arbeiten beide im Wohnbereich Haus Marsch, der als erster Gebäudeteil 1991 fertiggestellt wurde. Das Lotte-Lemke-Haus entstand auf dem Gelände eines ehemaligen Straßenbahndepots – ein Ort, den Heike Wrieden bereits aus ihrer Kindheit kannte. „Mein Vater war Straßenbahnfahrer. Für mich hatte dieses Gelände schon immer eine besondere Bedeutung“, erzählt sie.
Was das „Lotte“ für beide bis heute auszeichnet, ist sein Charakter: kleine Wohneinheiten, ein weitläufiges Gelände, eine gepflegte Gartenanlage. „Hier gibt es keine langen Flure. Es fühlt sich eher wie ein Zuhause an als wie eine Pflegeeinrichtung“, sagt Wrieden. Ein Eindruck, den auch Angehörige teilen. Ein Satz von einem Angehörigen ist beiden besonders im Gedächtnis geblieben: „Wenn ich mal so weit bin, komme ich hierher. Hier weiß ich, dass ich gut versorgt werde.“
In 35 Jahren hat sich der Pflegeberuf grundlegend verändert. „Früher sind viele Bewohner freiwillig eingezogen, um ihren Angehörigen nicht zur Last zu fallen“, berichtet Wrieden. „Pflegegrade gab es noch nicht, dafür aber viel mehr Zeit für gemeinsame Aktivitäten – sogar Urlaubsreisen mit Bewohnern. Heute ist das unvorstellbar“, ergänzt Müller. Die Menschen werden älter, Pflegebedarfe komplexer, demenzielle Erkrankungen nehmen zu. Hinzu kommt ein stetig wachsender Dokumentationsaufwand. „Der Beruf ist deutlich anspruchsvoller und auch härter geworden“, sind sich beide einig.
Besonders belastend war für sie die Corona-Zeit. „Die ständig neuen Vorschriften waren das eine“, sagt Müller. „Aber dass Angehörige ihre Liebsten nicht besuchen durften – das war schon heftig.“ Viele Bewohner litten unter der Isolation und das Pflegepersonal stand oft zwischen Regelwerk und Mitgefühl.
Trotz allem überwiegen für Heike Wrieden und Beate Müller die positiven Momente. „Ein Lächeln, ein Strahlen zurückzubekommen – das gibt einem unglaublich viel“, sagt Wrieden. Besonders wichtig ist ihr die Beziehung zu den Bewohnern, auch die Begleitung bis zum Lebensende. „Das ist manchmal hart, aber es gehört zur Realität unseres Berufs.“
Beate Müller wiederum liegt die Ausbildung des Nachwuchses am Herzen. „Es ist beeindruckend zu sehen, wie sich junge Menschen hier entwickeln“, sagt sie. „Manche kommen sehr unsicher und gehen als gereifte Persönlichkeiten. Die direkte Begegnung mit dem Leben – und auch mit dem Sterben – prägt enorm.“ Beide bedauern, dass es den Zivildienst nicht mehr gibt, der früher viele junge Menschen in die Pflege brachte.
Würden sie sich heute noch einmal für diesen Beruf entscheiden? „Ja, unbedingt“, sagen beide ohne Zögern. Die heutige generalistische Pflegeausbildung eröffne deutlich mehr Perspektiven als früher – von der stationären Langzeitpflege in Pflegeeinrichtungen über die Akut- und Kinderkrankenpflege in Krankenhäusern bis hin zu weiteren Einsatzfeldern im Gesundheitswesen. Daran anschließend bieten sich vielfältige Fach- und Weiterbildungen an, etwa zur Pflegedienstleitung, zur Praxisanleitung oder in Richtung Pflegepädagogik. Auch die tarifliche Bezahlung habe den Beruf spürbar aufgewertet.
„Aber am wichtigsten bleiben die besonderen Momente“, betont Heike Wrieden. „Denn Geld ist am Ende nur Geld. Die Nähe zu den Menschen und die Zusammenarbeit im Team waren für mich immer mehr wert.“ Ein Team, das über viele Jahre von großer Kontinuität geprägt war – auch wenn inzwischen zahlreiche Kolleginnen und Kollegen altersbedingt ausgeschieden sind. „Doch jetzt kommt eine neue Generation“, sagt Beate Müller. „Das ist gut und wichtig. Wir müssen uns auf sie einlassen und sie verstehen, denn die Jugend von heute hat ihre ganz eigenen Vorstellungen.“ Jungen Menschen, die über eine Ausbildung in der Pflege nachdenken, geben die beiden einen einfachen Rat mit auf den Weg: „Traut euch.“
Ein besonderes Lob kommt von Einrichtungsleiterin Doris Völkel: „Heike Wrieden und Beate Müller haben das Lotte-Lemke-Haus maßgeblich geprägt. Auf ihre Fachlichkeit und Erfahrung war immer Verlass – sie wissen einfach, wie es hier läuft. Und man merkt ihnen jeden Tag an, wie sehr sie ihre Arbeit lieben.“
Die Nordsee-Zeitung berichtete am Samstag, den 17. Januar 2026, in einer ausführlichen Reportage über das Dienstjubiläum. Zum Artikel


